Souverän zu eigenen Fehlern stehen

Bianca Koschel Allgemein Leave a Comment

Als ich 2007 nach dem zweiten Staatsexamen meine erste feste Stelle als Lehrerin für die Fächer Deutsch und Französisch antrat, hatte ich vor allem eine ganz große Sorge: Was ist, wenn ich einen Fehler mache und mir dadurch die Glaubwürdigkeit und Kompetenzerwartung bei meinen Schüler:innen zerschieße?

Ich plante jede Unterrichtsstunde bis ins letzte Detail, versuchte, mögliche Nachfragen zu antizipieren und fand Lösungen auf die noch so abwegigsten Probleme. Ich war unentspannt, ängstlich und voller Selbstzweifel. Und dennoch passierte natürlich das Unweigerliche: ich machte Fehler!

Ich darf keine Fehler machen, weil ich sonst nichts wert bin!

Der Versuch, alles perfekt zu machen, um keine Fehler zu machen, ist natürlich zum Scheitern verurteilt. Natürlich spricht nichts dagegen, seine Arbeit gründlich und gewissenhaft zu erledigen, davon bin ich sogar ein großer Fan. Aber auch dann dürfen wir uns von der Vorstellung, fehlerfrei zu sein, getrost verabschieden.

Was wir uns jedoch gerne genauer ansehen dürfen, ist das die Angst, durch Fehler Glaubwürdigkeit und Anerkennung einzubüßen. Der Glaubenssatz, der dahintersteckt, könnte ungefähr wie folgt lauten:

„Ich darf keine Fehler machen, weil ich sonst nichts wert bin!“

Ich war damals von dem Gedanken überzeugt, dass meine Schüler:innen, wenn sie mich bei einem Fehler ertappen, das Vertrauen in mein Wissen und meine „Allmacht“ verlieren würden. Dass sie sich bei jeder Aussage, die ich in Zukunft machen würde, fragen werden, ob das überhaupt stimmen kann. Dass sie sich über mich lustig machen und mich nicht mehr respektieren.

Es ist keine Schande, Fehler zu machen! Es ist eine Schande, keine Verantwortung dafür zu übernehmen!

Als mir dann die ersten Fehler passierten, reagierte ich wie viele Menschen, denen die Größe und die Souveränität fehlt, zu ihren Fehlern zu stehen und sie zu einem Teil ihrer eigenen Stärke zu machen: ich stritt ab, schob die Verantwortung auf andere, suchte Rechtfertigungen, die mich in einem günstigeren Licht erscheinen lassen sollten.

Aber ich besaß schon immer einen sehr guten inneren Kompass. Und dieser sagte mir eindeutig, dass ich auf dem Holzweg war. Es ist keine Schande Fehler zu machen, sagte mein Kompass laut und vernehmlich! Wohl aber, nicht zu ihnen zu stehen und die Verantwortung für sie zu übernehmen.

Da ich langfristig nicht gegen meinen inneren Kompass handeln kann, begann ich, anders damit umzugehen, wenn ich etwas falsch gemacht hatte. Ich gab unumwunden vor der Klasse zu, wenn ich mich geirrt hatte oder etwas vergessen hatte, wenn ich mal nicht gut vorbereitet war.

Schwach sind nicht diejenigen, die Fehler machen, sondern die, dich sich daran hochziehen, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern!

Und was passierte? Wurde ich zur Lachnummer, die aufgrund ihrer offenen Fehlbarkeit kein Standing mehr in der Klasse hatte und die niemand mehr ernst nahm?

Ganz im Gegenteil! Meine Schüler:innen zollten mir Dankbarkeit dafür, dass ich nicht so tat, als sei ich unfehlbar. Sie brachten mir Wertschätzung und Respekt dafür entgegen, dass ich ehrlich und authentisch war. Dass ich nicht versuchte, mich auf Kosten anderer von meiner Verantwortung zu befreien, sondern die Karten auf den Tisch legte.

Natürlich gab es auch die Unverbesserlichen, die versuchten, mir daraus einen Strick zu drehen und meine Autorität (ich weiß, das Wort verursacht komische Gefühle, ich habe mich trotzdem entschieden, es an dieser Stelle zu benutzen) zu untergraben. Aber ich begriff, dass die Schwäche nicht bei mir und meinen Fehlern, sondern bei diesen Menschen lag, die sich an den Fehlern anderer „hochziehen“, um ihr eigenes, angeschlagenes Selbstbewusstsein zu stärken.

Entschuldigung, ich habe einen Fehler gemacht!

Es gehört Mut und Stärke dazu, eigene Fehler offen und ehrlich einzugestehen, sie zu kommunizieren und bereit zu sein, die Konsequenzen dafür zu tragen!

„Aber meine Chefin hat mich doch eh schon auf dem Kieker! Wenn ich da jetzt noch Fehler eingestehe, ist es ganz vorbei!“, argumentierte neulich eine meiner Kursteilnehmerinnen. Aber so ist es nicht! Wenn dich jemand „sowieso auf dem Kieker hat“ und du einen Fehler machst, reitest du dich nur umso tiefer rein, wenn du auch noch feige und unehrlich bist. In einer solchen Situation wäre es doch viel hilfreicher, dich zu fragen, ob vielleicht ein klärendes Gespräch mit der/ dem Vorgesetzten ansteht oder ob du überhaupt richtig bist auf der Position, die du gerade bekleidest.

Du machst dich nicht angreifbar, wenn du Fehler zugibst! Du zeigst persönliche Integrität, Mut und Reife. Wer damit nicht klarkommt, darf dieses Problem gern bei sich selbst, aber nicht bei dir suchen!

„Und wie soll ich das dann kommunizieren?“, lautet eine Frage, die mir häufig gestellt wird. Und so komplex viele Sachverhalte auch sind, auf diese Frage gibt es endlich mal eine ganz einfache und unkomplizierte Antwort: „Entschuldigung! Ich habe einen Fehler gemacht. Natürlich übernehme ich dafür die Verantwortung.“

That’s all! Amen!

Schau dir auch gerne mein Video zum Thema „Fehler eingestehen“ an:

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