Hallo Tagträumerin, schön, dass es dich noch gibt!

Bianca Koschel Allgemein Leave a Comment

Diesen Osterpost wollte ich aus Paris schreiben. Ich hatte mir im Vorhinein schon überlegt, ob ich meinen Rechner mitnehmen soll, ob ich über das Smartphone meinen wöchentlichen Blogpost verfasse oder ob ich einfach einmal aussetze.

Wie wir alle wissen, haben sich während der Coronakrise solche und andere Überlegungen als völlig überflüssig erwiesen. Bei mir schleicht sich, übrigens nicht zum ersten Mal, die Erkenntnis ein, dass das Leben nur zu einem gewissen Grad berechen- und steuerbar ist. Dass manche Planungen und Überlegungen am Ende wertlos sind und man sich spontan und flexibel auf eine Situation einstellen muss.

Ich bin ein Kontroll-Junkie

Ich gebe zu: einem Planungs- und Kontroll-Junkie wie mir fällt das sehr schwer! Als ich noch jung war, konnte ich das hingegen hervorragend. Es war sogar nicht selten Diskussions- und Kritikpunkt zwischen mir und meinen Eltern: „Leb nicht so in den Tag hinein, du musst dich kümmern und endlich Verantwortung übernehmen!“ Während ich diese Zeilen schreibe, schwant mir, dass es in etwa die gleichen Töne sind, mit denen ich heutzutage meine Tochter nerve belehre.

Irgendwann im Laufe meines Lebens ist mir die Fähigkeit zum „Laisser faire“ verloren gegangen. War es während des Studiums, als ich merkte, dass ich scheitern würde, wenn ich nicht anfing, meinen Lernprozess zu steuern? War es im Arbeitsleben, als ich mich eines Tages auf der anderen Seite des Klassenzimmers wiederfand und alle Augen auf mich gerichtet waren? Als ich nicht mehr stumpf konsumieren konnte, was andere für mich vorbereitet hatten, sondern selbst dafür Sorge zu tragen hatte, dass „der Laden lief“? Oder hat es damit zu tun, dass ich als Mutter für unendlich viele Baustellen verantwortlich und zuständig bin?

Ich fahre meine Planungsschirme herunter

Mit den wachsenden Verpflichtungen und Anforderungen in meinem Leben ist meine Kompetenz, das Leben entspannt auf mich zukommen zu lassen und „der Dinge zu harren“, verkümmert. Gleichzeitig wurde die Angewohnheit zu planen, zu organisieren und vorzusorgen einer meiner vorherrschenden Eigenschaften.

In der letzten Zeit, in der alle Termine zum Erliegen kamen und meine vermeintlichen Stärken plötzlich nicht mehr gefragt waren, musste ich mir zunächst richtig Mühe geben, um meine Planungs- und Vorsorgeschirme langsam wieder herunterzufahren. Das, was mir als Kind so leicht fiel, auf das Leben zu vertrauen und mit Gleichmut anzunehmen, was der Moment bringt, ohne dabei an morgen zu denken, war zuerst ein richtiger Kraftakt für mich. Schließlich ist es mir bis zu einem gewissen Grad aber doch gelungen und ich stelle fest: es fühlt sich gar nicht so schlecht an.

Nach der Krise ist vor der Krise!

Nun bin ich aber nicht so naiv und vermessen zu glauben, dass die Krise mich völlig verändert hat. Auch wenn Sätze wie „Es wird nie wieder so, wie es vorher war!“ gerade Hochkonjunktur haben, glaube ich kein Wort davon. Sicher werden viele, vielleicht sogar wir alle auf unterschiedliche Weise noch eine ganze Zeit lang die Konsequenzen des Lockdowns spüren. Mit der Zeit jedoch, daran habe ich nicht den geringsten Zweifel, wird alles genau so, wie es vorher war.

Ich werde also (leider?) nicht dauerhaft einen tiefenentspannten „Hier und Jetzt“ – „Lebe den Moment“ – Lifestyle annehmen. Ich werde in den Fluten des wiedereinsetzenden Alltags wieder für morgen und übermorgen und wahrscheinlich sogar für nächste Woche sorgen, planen und organisieren. Aber es ist schön, meinem kindlichen Ich wiederzubegegnen, was planlos auf der Couch liegt, Musik hört, in alten Fotos herumkramt. Was ich meinem damaligen Ich zu sagen habe? „Hallo Tagträumerin, schön, dass es dich noch gibt!“

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